Menschlich verständlich ist ein gewisser Geist der Immobilität, gerade heute, da wir uns in mehrfachen Krisen, in denen man gerne Halt sucht, befinden. Nur sollte man auf höherer Ebene - vorausgesetzt hatten wir ja ein Religionsgespräch von offiziellen Vertretern - nicht so „krisenanfällig“ vielmehr für Ungewohntes, Fremdes und für neue Erfordernisse aufgeschlossener sein. Leider benehmen sich gerade Religionsvertreter schon seit längerem - manche schon seit Beginn der modernen Zeit - als würden sie im Wagen, der in die Zukunft fährt, ständig auf der Bremse sitzen. Was Wunder, wenn dann nicht nur einzelne Amtsträger oder bestimmte konfessionelle Richtungen, sondern die „Religion“ überhaupt „alter Hut“ genannt werden, auch wenn das ein Fehlurteil ist.

Die Völker Europas standen bis in die Mitte des 2O. Jahrhunderts – vorausgesetzt, es herrschte Frieden – bedingt durch ihr nationalstaatliches Denken zueinander in einer statischen Toleranz. Nach dem Zweiten Weltkrieg vollzog sich das politische und gesellschaftliche Leben zunehmend unter der Zielvorstellung der Einheit Europas. Das war der Weg zu einer dynamischen Toleranz. Das könnte vorbildhaft werden für die Konfessionen wie Religionen, denn beide haben wie keine andere gesellschaftliche Kraft die Fähigkeit, das Denken, Wollen, die Gesinnung und damit die ganze Lebensausrichtung der Menschen zu beeinflussen und somit zu ändern. Da die großen Religionen, wie ein Kulturhistoriker sagt, „in einem sehr realen Sinn die Grundlagen sind, auf denen Zivilisationen ruhen“, machen sie auch zumindest einen Teil dieser Spannungen aus. Deshalb ist es ihre Aufgabe, ohne Angst um Gesichtsverlust, sich miteinander zu verständigen, um dann gemeinsam Gespräche, die Schritte zum Frieden sind, einzuleiten. Die beiden politischen Machtblöcke haben ihre Spannungen abgebaut, nun sind die Religionen dran, sie haben das Potential und somit auch die Möglichkeit, und das in verschiedener Weise und auf verschiedenen Ebenen, die trennenden Gräben zuzuschütten und gemeinsam zu agieren. Dabei dürfte es keine Abstinenz der Religion vom Politischen geben, weil die Bereiche angeblich verschieden seien, wie z.B. die Gegner der Befreiungstheologie meinen. Das Prophetische der Bibel, in dessen Linie Jesus steht, war ein sozial-politisches Engagement, bisweilen sogar bis ins Tagesgeschehen.

Deshalb sind Begegnungen auf höherer und höchster Ebene nötig und wichtig, sie könnten viel bewirken. Aber leider geschieht zu wenig. Es herrscht bei den offiziellen Religionsvertretern neben Eigen- und Starrsinn, zu viel Angst, an Ansehen und Einfluss zu verlieren, und diesen Verlust nicht rechtfertigen zu können. Auch ist die Tradition ein schweres Gepäck, das man mit sich trägt . Erschwerend kommt hinzu, dass man sein Machtinteresse und Bestreben, die Bereiche, in denen man alleine das Sagen hat und auch weiterhin haben will, verteidigt. Dabei beruft man sich auf die Wahrheit, der man verpflichtet sei, und die ist bekanntlich unumstößlich. Es ist gewiss nicht leicht, in der Religion „oben“ zu stehen. Wer als Offizieller von den Besitzständen etwas aufgibt, gilt leicht als Verräter. So verhält es sich nun einmal in allen Gesellschaften, auf allen Ebenen und in allen Schichten.. Die Religionen bilden hier keine Ausnahme. Wer möchte da in die Geschichte eingehen als Verlierer?

Wer jedoch in einer Auseinandersetzung letztlich siegt oder verliert, steht auf einem anderen Blatt. Das Lebensschicksal Jesu von Nazareth muss uns hier zu denken geben. Er hatte zunächst verloren. Aber was kam dann? Wer konnte das damals erwarten, was dann kam? Deshalb: man sollte schon über den Tellerrand blicken. Für die Religion und besonders für diejenigen, die sie vertreten, ist ein weiter Horizont nötig. Religion ist aber gerade heute kein „Verwahranstalt“ für liebgewordene Traditionen, sondern Hilfe zu heutiger Lebensgestaltung und Lebensbewältigung, wobei das, was gestaltet und bewältigt wird, nicht von der Religion als solcher erfunden wird. Das kommt ihr gleichsam von außen zu, aus der Breite des Lebens, das von vielem immer wieder verändert wird. Jede Zeit hat bekanntlich ihre jeweils eigenen Probleme, die sich aus der geschichtlichen Entwicklung ergeben und die niemand sich aussucht. Verschließt eine Religion davor die Augen und versucht gleichsam nur für sich selbst dazusein, sich selbst zu dienen, alles für die eigene Selbsterhaltung zu tun, dann sieht sie nicht mehr die Aufgaben, die ihr das Leben stellt. Wenn Religion die Lebensaufgaben und die jeweilige Problemlage nicht versteht, dann ist sie lebensfremd. Die Ablehnung dessen, was in die eigene, lebensfremde Vorstellung nicht passt, war und ist nicht immer harmlos, sondern hat bis heute schon zu allerlei Grausamkeiten geführt. Das ist dann die Perversion der Religion.

In ein einem blinden Gottglauben ging man sogar schon über Leichen. Was religiöse Blindheit heißt, kann man sich in diesem Zusammenhang gut verdeutlichen. Blindheit ist das, was einen Teil des Fanatismus ausmacht. Der Fanatiker hat einen beschränkten Blick und sieht deshalb alles einseitig. Einmal hat er einen verengten Scheuklappenblick, und dann verfolgt er seine Ziele rücksichtslos. Und das ist somit todbringend. Nun wollen aber alle Religionen von Hause aus mit ihren Geboten dem Leben dienen. Mit diesem Kriterium kann man beurteilen, was Religion ist und was nicht. Das Lebensdienliche und die Mitmenschlichkeit sind für alle Religionen und Überzeugungen der Lackmustest für ihre Echtheit. Gott ist ernst zu nehmen, aber nicht todernst, sodass man in seinem Namen tötet. Alle Religionen haben hohe Ziele, sie bewegen sich leider auch in Niederrungen. Hier geschieht dann gewöhnlich ein Vertauschen von Vorletztem mit Letztem. Vorletztes darf nie Letztes werden. Gewiss geht es jeder Religion um eine letzte Wirklichkeit. Und das Vorletzte hat dann nur Wegcharakter, es sind vielfach Bräuche und Gewohnheiten, die sich sowieso ändern. Wichtiger ist dabei die andere, die eigentliche Seite jeder Religion, das Zwischenmenschliche. Das darf nie geopfert werden. Kommt es dennoch dazu, dann zeigt die Religion ihre Entstellung, ihre schreckliche Schattenseite, ihr Unwesen.

Nichts auf der Welt ist nur gut oder hervorragend und ideal. Alles Schöne und Gute kann ins Gegenteil pervertiert und verunstaltet werden. Aus einer Demokratie wird dann eine „Demokratur“, aus Musik atonale Umweltverschmutzung, aus Liebe ein billig schnulziges Gefühl und aus Kunst Kitsch. Was aus Religion schon geworden ist, wissen wir aus der Geschichte. Im dreizehnten Jahrhundert wollte man , wie man glaubte, Irrende argumentativ in einer Überzeugungspredigt wieder zur “Vernunft“ bringen. Das war das Ziel. Und was kam? Die Inquisition. Aus der Wallfahrt ins heilige Land wurden die Kreuzzüge mit Zerstörung, Mord und Totschlag. Das Gottesgnadentum, die Verbindung von Thron und Altar, die heiligen Kriege, die christlichen Parteien haben nichts zu tun mit den eigentlichen Zielen der Religion, weder früher noch heute. Im Geschäftsleben nennt man das Etikettenschwindel. Hinter dem, was man mit dem Wort Religion, mit christlich oder moslemisch „verkauft“, steckt nur allzu leicht ein Eigeninteresse oder Machtanspruch. Worum es in den Religionen eigentlich gehen müsste, sind Zielsetzungen, die weiterführen wollen über den jeweiligen Zustand hinaus, einfach zu mehr, was ein einzelner Mensch oder auch eine ganze Gesellschaft jetzt ist. Fast könnte man das Ziel der Religion mit „Mehrwert“ bezeichnen, wenn dieser Begriff nicht schon ökonomisch besetzt wäre.

Die Religionen sind auf das allgemein Menschliche, das in Grundanliegen und Fragen der   Existenz über den Tag hinaus besteht, hingeordnet, und das in größtmöglicher Offenheit, die als solche immer nach vorne, ziel- und zukunftsgerichtet ist. Was so allgemein und offen ist, kann nicht einem bestimmten Einzelzweck, der immer einseitig ist, dienen. Denn dies bedeutete ja Verengung, die sogar zur Entartung führen kann. Selbstmordattentäter mit dem Bekenntnis „ Allah ist groß“ auf den Lippen haben ein völlig perverses Denken. Sie sind manipuliert, fehlgeleitet auf politische Ziele hin. So ist ihnen das normale Denken abhanden gekommen.

Text: Werner Wagner - Artikel vom: 09.08.2006