Wird die Rolle der Religion in der heutigen Gesellschaft beschrieben, dann sind besonders die Kirchen- und Religionsführer geneigt, das Positive, die unbezweifelbar vorhandenen Leistungen ihrer Religion oder Glaubensgemeinschaft hervorzuheben. Im westlich-christlichen Raum beruft man sich dann gerne auf die sogenannten christlichen Werte. Ist Glaube als Gottvertrauen, das Streben nach einer sozial besseren Welt bis zur nationalen wie internationalen Arbeit für den Frieden in der Welt, die Hilfe nach Katastrophen und Schaffung einer global gerechteren Wirtschaftsordnung – alles typisch für ein im Westen verbreitetes Verständnis biblischen Glaubens – ein Wert? Soll man das, worum es hier geht, nicht besser als Ziel, meinetwegen als Gebot der Stunde, das es mit viel Anstrengung erst zu erfüllen gilt, beschreiben?. Das biblische Glaubens- und Existenzverständnis ist eine Herausforderung, es bezieht sich auf das, was mit „Reich Gottes“ ausgedrückt wird und zukunftsorientiert ist. Werte beziehen sich auf ein Haben, meinen einen Besitzstand, man beruft sich auf Errungenes, das man verteidigen will.
Weltanschauungen und Religionen berufen sich heutzutage gerne auf solche „Werte“. Diese stehen dann nicht zur Disposition . Dann ist man wenig geneigt mit sich reden zu lassen über das, was man vielleicht gemeinsam tun könnte oder sogar nur gemeinsam tun kann. Werte verleiten dazu, zurückzuschauen auf das, was man hat und behalten will. So gibt es keine Zukunftsorientierung. Die biblische Religion wie im Grunde alle Religionen haben primär eine Aufgabe, fordern heraus durch ein Sollen. Wir handeln oder tun immer etwas. Es geht dabei um die Art und Weise, wie wir handeln .Da ist es nicht gleichgültig, wie wir gestimmt oder motiviert sind. Die Religion soll das Zupacken optimieren. Die Diskussionen um Werte vermitteln nur allzu sehr folgendes Bild: Es begegnen sich zwei Menschen; jeder trägt in beiden Händen eine Tasche mit seinen Habseligkeiten, von denen er nichts hergeben will. Sie werden sich nie die Hand geben können, noch wird es zu einem Austausch kommen. Gehen sie dann miteinander in ein und dieselbe Richtung – so die Schlussfolgerung aus dem Bild - , dann haben wir die Parallelgesellschaften. Beide müssen ihre Taschen öffnen und miteinander reden, was sie auf ihrem gemeinsamen Weg mitnehmen wollen und zurücklassen müssen.
Im westlichen Religionsverständnis ist die Sache der Religion mehr oder weniger die Sache ihrer Funktionäre. Das passt nicht mehr in unsere Zeit, die republikanisch und demokratisch sein und handeln will. In diesem Zusammenhang ist es erlaubt, auf das hinzuweisen, was der Begriff „res publica“ beinhaltet: Worum es darin geht, ist die Sache aller. So ähnlich soll sich auch die Religion begreifen, besonders bei uns. Auf diesem Weg wird dann das Religions -verständnis als Herausforderung zum Eintreten „für eine bessere Welt“ nach und nach zu einer Sache aller. Hierarchien aller Art sind dann unangebracht. Es kann nur noch Funktionsträger geben, die bei Versagen jederzeit abrufbar sind. Wie die Politik nicht nur den Politkern überlassen werden darf - deshalb gibt es Wahlen - , so sollte auch die Religion, wenn sie lebendig und den jeweiligen Herausforderungen gewachsen sein soll, nicht einfach den Oberen Zehntausend einer Kirche oder Religion überlassen werden. Hier geht es um das Prinzip, wie man es konkret macht, ist eine andere Frage.
Dass Weltanschauung, Religion und Theologie ähnlich wie auch Naturwissenschaft oder Geschichte nicht einfach nur mehr den Fachleuten überlassen wird, darin hat sich in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts ein Wandeln vollzogen. In diesem Zusammenhang sei erwähnt, wie Fragen der Religion und Theologie nach einer langen Periode des Schweigens - man kann auch sagen, einer Stagnation des Denkens - seit einem allgemeinen Aufbruch in den sechziger Jahren zu einem besonderen Gegenstand des Interesses geworden sind. Das will beachtet sein, wenn es um die Religion heute geht. Auch daran erkennen wir, dass Religion oder Weltanschauung viele angeht, und zwar nicht einfach nur oberflächlich. Was mit der römischen „res publica“ gemeint ist, betrifft heute die Breite des Kulturell-Geistigen und schließt Religion mit ein. So wurden und werden Veröffentlichungen zu Fragen der Religion und Theologie zu Bestsellern. Die Entwicklung geht aber noch einen Schritt weiter, und zwar nicht nur auf populärwissenschaftlicher – was sehr beachtenswert ist - , sondern auch auf streng wissenschaftlicher Ebene. Historiker, Soziologen, Philosophen, wie auch Naturwissenschaftler erörtern schriftlich und mündlich Fragen der Weltanschauung und Religion . Ja man kann sagen: Die „Verächter der Religion“ , so ehedem Schleiermacher, beherrschen nicht mehr das Feld.
In diesem Klima des allgemeinen Interesses an Religion konnten mehrere Rundfunkanstalten 1983 ein Funkkolleg RELIGION senden. Es war kein Unternehmen der Kirchen. Manche kirchliche Kreise hatten sogar Vorbehalte. Das allgemeine Interesse und Bemühen um weltanschaulicher Orientierung hat nach dem Zweiten Weltkrieg auch zuerst die evangelischen und dann die katholischen Akademien entstehen lassen. Eine Neuheit im kirchlichen Leben Deutschlands, die nicht geringen Einfluss auf Gesellschaft und Politik hatte. Zu erwähnen ist hier die Initiative zur Ostpolitik, die von der Akademiearbeit ausging.. Die intellektuelle Auseinandersetzung der Kirchen mit den Zeitströmungen wie auch ihre sehr breit angelegten sozialen Tätigkeiten haben nachhaltig wie langfristig gewirkt. Sie haben mit dem „Strohfeuer“ der Weltjugendtage sowie mit päpstlichen Trauer- und „Siegesfeiern“ nach einer Papstwahl nur wenig gemein. Wenn es um Großveranstaltungen geht, muss man zur Kenntnis nehmen, dass Kirchentage schon einen anderen Charakter wie eine andere Wirkung haben als die erwähnten Medienspektakel, deren Bedeutung von Journalisten leicht überschätzt wird.
Wahrscheinlich dürften die evangelischen wie katholischen und nicht zu vergessen auch die alternativen Kirchentage dem, was der heutige Mensch in der Religion sucht, mehr entsprechen. Der Mensch von heute möchte in seinem Glaubensverständnis erfahren , dass er weder vordergründig noch im Allerletzten allein ist. Einmal möchte er sich geborgen wissen im Kollektiv, was sicher bei den päpstlichen Veranstaltungen erfahren wird. Darüber hinaus suchen heutige Menschen in der Religion aber auch das, was das Persönlich-Individuelle betrifft. Und das dürfte höchstwahrscheinlich das Eigentlich sein. Es ist die Glaubenserfahrung oder das, worin sich Glaube emotional ausdrückt. Darin ist eingeschlossen die Besinnung, die Innerlichkeit. So wird eine tiefe Glaubensgewissheit erlebt. Dadurch entsteht ein Vertrauen auf Gott wie auch in die Welt, wodurch man für sich selbst Halt und Zuversicht gewinnt, um in den Wechselfällen des Lebens bestehen zu können.
Trotz und vielleicht gerade wegen aller Ausgerichtetheit auf das Diesseits haben heutige Menschen eine große Sehnsucht nach Transzendenz. Weshalb hören viele, auch und gerade junge Menschen so gerne Bach? Und weshalb hört man auch so gerne Mozart? Was ist das für eine heimliche Sehnsucht? Der Theologe Karl Barth sagte einmal in seiner humorvollen Art, wenn die Engel für uns musizieren, dann spielen sie Bach, aber unter sich spielen sie Mozart. Gewiss darf man hier schmunzeln. Nach längerem Nachdenken könnten sich einem Besinnlichen tiefere Bezüge offenbaren.
Den eigentlich religiösen Anliegen kommen die kath. wie ev. Kirchentage mehr entgegen als päpstliche Medienspektakel, bei denen es zu sehr um Show geht,. Auf den Kirchentagen wird meditiert, diskutiert, Gruppenarbeit findet statt; Gottesdienste in größeren und kleineren Gruppen mit entsprechenden Predigten werden gehalten. Wir alle kennen die Podiumsdiskussionen mit Politikern, unbequemen Theologen oder Journalisten zu Zeitfragen persönlicher wie gesamtgesellschaftlicher Art. Dabei geht es nicht um Angestaubtes aus der kirchlichen Mottenkiste, sondern um das die Menschen wirklich Bewegende. Hier machen die Kirchen nicht den Eindruck des Antiquierten, auch wenn die „alte“ Bibel gelesen wird. Da Kirchentage Veranstaltungen von Institutionen sind, könnte man meinen, es ginge um die Kirche als solche. Hier geht es aber vornehmlich um den Einzelnen, der heute ruhig im Vordergrund des kirchlichen Lebens und der Aufmerksamkeit stehen darf. Bei aller kirchlichen Gemeinschaft ist es ja doch auch so, dass jeder ganz persönlich glaubt, er nur sein Gewissen hat. Es gibt kein Gesamtgewissen, so wie es ja auch keine Kollektivschuld gibt. Die Verantwortung, die jeder hat, die hat er für sich, und die kann ihm niemand abnehmen. Wie jeder nur für sich Rechenschaft ablegen kann, und vor allem, wie er sich zu seiner Umgebung verhält, da ist jeder auch trotz aller guten Ratschläge allein. Er allein muss wissen, welches Medikament gebe ich einem Todkranken und welche medizinische Maßnahme ist nur scheinbar human. Gewiss trägt eine Gemeinschaft, wir sind immer ein Teil von ihr und deshalb auch im Denken und Fühlen von ihr bestimmt. Dennoch sind wir im Letzten allein vor unserem Gewissen und vor Gott. Jeder darf sagen i c h und m e i n Gott , den Jesus unseren Vater nannte.
Text: Werner Wagner - Artikel vom: 09.08.2006