Gewöhnlich lebt man in unserem westlich europäischen Kulturkreis, nachdem man glaubt erwachsen zu sein, nicht selten an Religion und Kirche vorbei. Hat man dann geheiratet und kommt ein Kind zur Welt, dann stellt sich wegen der Erziehung und Taufe die Gretchenfrage, wie man es mit der Religion hält? Die Frage lässt sich nicht umgehen, da wir in der Begegnung mit Muslimen ein anderes Religionsverständnis erleben, das geradezu zur Stellungnahme und Entscheidung herausfordert. Wir erfahren, dass besonders junge Muslime ihre Religion ernster nehmen als wir es gewohnt sind. Wenn nicht alles täuscht, beginnt deshalb bei uns ein erneutes Nachdenken über Religion. Und dabei zeigt sich sofort die ganze Vielfalt der Haltungen der Religion gegenüber. In die Diskussion über Sinn und Bedeutung der Religion werden wir alle hineingezogen. Als Zeitgenosse gehört man ja auch irgendwie immer dazu, sei es mitmachend, kritisierend oder ablehnend. Manche kritischen Außenseiter bewirken dann noch am meisten. Was wäre die Geschichte unserer Religion ohne die Außenseiter, früher Ketzer genannt? Sie haben nicht selten die Schwachpunkte aufgezeigt. Deshalb: In den hier anvisierten Dialog gehören alle, denen unser Zusammenleben in Gegenwart wie Zukunft nicht gleichgültig ist. Nur auf die eigenen urpersönlichen religiösen Interessen den Blick zu richten, passt nicht in unsere Zeit. Das Gesellschaftliche bis zum Globalen hin ist unsere Welt, in der und von der wir alle leben. Dabei sollte in unserem Bewusstsein das Globale gleich vor der Haustüre, sofort nebenan und im weiteren Umkreis beginnen. Wie wir das Miteinander im Großen und Kleinen gestalten sollen, müsste gerade das Anliegen derjenigen sein, denen die Religion ernst ist. Dem wollte Dietrich Bonhoeffer als achtundzwanzig jähriger junger Mann nachkommen und rief zu einem Weltkonzil des Friedens auf. Es ist nicht gleichgültig, wie wir in die Zukunft blicken. Hier ist es Aufgabe der Religionen im dialogischen miteinander Zuversicht zu verbreiten.
Die Religionen sollen und wollen das Leben in einem tieferen Sinn gestalten. Wodurch menschliches Leben universell wie individuell seine Ausrichtung und damit seinen Sinn erhalten soll, sind in guter biblischer Tradition nach Paulus: Glaube, Liebe und Hoffnung. Kann es uns Menschen in unserem Leben neben Nahrung, Kleidung und Wohnung um etwas anderes gehen als um diese Trias? Menschen, deren Leben von diesen drei Haltungen geprägt ist, werden wohl kaum unglücklich sein. Dennoch dürfte es aber angebracht sein, hier noch Kant ins Spiel zu bringen. Weshalb? In der Besinnung auf Kant wird etwas deutlich, was uns in unserem Lebensverständnis neben der Bibel ebenfalls prägt. Kant versucht, den menschlichen Vernunftgebrauch - schließlich sind wir bei aller Dummheit, dennoch eigentlich Vernunftwesen - von einem Endzweck her zu begreifen, d.h. es geht um den letzten Zweck aller menschlichen Überlegungen. Und worum geht es der Vernunft in ihren Denkbemühungen.? Man kann auch sagen, worum geht es dem Menschen, wenn man ihn als denkendes Wesen begreift? Kant nennt drei Fragen: Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen.? Fasst man die drei Fragen zusammen, dann heißt das nach unserem Philosophen : Was ist der Mensch? M.a.W.: Was macht das Leben aus?.
Im Sinn von Paulus könnte man sagen, durch Glaube, Liebe, Hoffnung wird man zum Menschen, biblisch gesprochen, zum Menschen nach dem „Bilde Gottes“. Dabei ist „Bild Gottes“ die Interpretation der Verwirklichungen der drei Haltungen von Glaube, Liebe und Hoffnung . Die Interpretation ist dann gleichsam das Sinnverständnis, man kann auch sagen die Sinngebung. Bei Kant fehlt diese Interpretation, da er rein philosophisch denkt. Dennoch bestehen zwischen Paulus und Kant Parallelen und Ergänzungen. Alles Erkennen und Wissen hat geglaubte Voraussetzungen und Grenzen, man kann auch sagen, sie sind miteinander dialektisch verspannt. Es gibt kein Wissen ohne Glaube. Paulus spricht die ganze Bibel auf einen Nenner bringend von Liebe. Kant sagt in seiner ethischen Forderung: Der Mensch ist Person, er hat Würde, deshalb darf er niemals zum Mittel für irgendetwas gemacht werden. Paulus wie Kant sprechen von der Hoffnung, wobei diese sich nicht nur bei Paulus, sondern auch nach Kant auf das bezieht, was Religion ist. Beide weiterdenkend kann Hoffnung human wie religiös, individuell wie universell, national wie auch global verstanden werden. Sie ist das, was uns heute alle bewegt, sei es in Zuversicht oder in Untergangsstimmung.
Was bedeutet diese etwas ungewohnte Verbindung für unseren Zusammenhang? Wenn zum Dialog der Religion alle Partner Wichtiges einzubringen haben, dann haben wir an unsere biblische wie philosophische Tradition zu erinnern. In ihr ist Raum für ein breites und weites Religionsverständnis. Von daher können wir mit Gläubigen wie mit rein humanistisch Denkenden einen Dialog führen, mit solchen, für welche die Transzendenz nur personal ist, wie auch mit religiösen Menschen aus einem Kulturkreis, in dem die Transzendenz nicht personal gesehen wird. So bietet das abendländische Erbe wegen seiner Offenheit und Allgemeinheit eine Basis für einen weltweiten Dialog, dem man sich mit vernünftigen Gründen kaum entziehen kann.
Werner Wagner
Geboren 1931 in Kaiserslautern, Pfarrer und Oberstudienrat. Staatsexamen in Geschichte, Theologie und Philosophie. Abschluss des Theologiestudium mit einer Lektoratsdissertation ( Masch.) über Offenbarung und Glaube bei Karl Barth. Kurze Tätigkeit im kirchlichen Gemeindedienst. Von 1952 – 1969 Mitglied des Dominikanerordens. 1969 Übertritt in die Ev. Landeskirche Baden. Bis 1969 Lehrer am Markgrafen-Gymnasium in Karlsruhe - Durlach. Vorträge vor und nach der Pensionierung an Volkshochschulen zu Themen der Theologie und Philosophie. Schwerpunkt des derzeitigen Interesses sind kulturelle Wandlungsprozesse.
Text: Werner Wagner - Artikel vom: 09.08.2006