Glaube, Liebe, Hoffnung
Aller Anfang ist Dialog
Für Plato war er selbstverständlich, die Religionen müssen ihn für sich noch entdecken.
Die auf Harmonie bedachte bürgerliche Gesellschaft kennt für das gesellige Beisammensein zwei ungeschriebene Anstands- oder Verhaltensregeln: Man spricht nicht über Politik, und man spricht nicht über Religion. Geradezu unanständig ist, wer diese Tabus bricht. Wegen der gewöhnlich entstehenden Streitereien, welche die Stimmung verderben, soll man solche Gespräche bleiben lassen; jeder hat doch schließlich seine eigene Meinung, von der er sich um alles in der Welt sowieso nicht abzubringen lässt. Was soll dann das Gerede?
Es ist eigentlich schon merkwürdig: Was mit zum Wichtigsten gehört und wovon das Leben gerade in der heutigen Zeit abhängt – Diktaturen dürften das, was die Politik betrifft, genug beweisen – , darüber soll man schweigen. Eigenartig! Die Politik bestimmt die Rahmenbedingungen unseres Lebens, und die Religion hat es irgendwie mit der Sinnfrage zu tun, beides kann man doch nicht verdrängen. Gewiss sind Wahlen geheim, und die Religion ist eine Privatsache, aber trotzdem muss man unter vernünftigen Menschen über das uns doch elementar Betreffende reden können. Nun es wird auch darüber geredet, aber zunächst lässt man sich leider nur bereden, und zwar in unserem beliebtesten Medium.
Wie man über Politik redet, können wir mehrmals die Woche im Fernsehen erleben. Hier treffen die Vertreter der verschiedenen Parteien zusammen, jeder sagt ganz offen, bisweilen recht angriffslustig, seine Meinung, und dann weiß man, wo man dran ist. Wäre es nicht angebracht und unterhaltsam, wenn das Fernsehen wie in Talkshows mit politischen Repräsentanten, es auch mit offiziellen Vertretern der Kirchen und Religionen machen würde? Da lädt ein Moderator evangelische und katholische Bischöfe, einen hochrangigen Moslem und einen Oberrabbiner ein und stellt ihnen Fragen, so zum Beispiel zur Religionsfreiheit, zu den problematischen Menschenrechten, zur Stellung der Frau und zum Verhältnis der Religionen untereinander sowie zu ihrem jeweilig eigenen Selbstverständnis.
Wäre der Moderator kundig genug, auch klug und geschickt, dann könnte er versuchen, alle Teilnehmer auch untereinander in ein Gespräch zu bringen. Das wäre doch mal interessant. So käme Leben in die Sache Religion. Eine solche Diskussion könnte sich vielleicht nicht nur zu Hause in gemütlicher Runde, sondern auch am nächsten Tag im Büro oder sonst wo unter Kollegen fortsetzen. Die Religion würde so vielleicht sogar zum Tagesgespräch. Soweit die Erinnerung reicht, haben wir das bisher noch nicht erlebt, dass man sich in dieser Weise über Inhalte der Religion, über das, was man eigentlich glaubt, öffentlich unterhalten hat. Man hat höchstens über gewisse Vertreter von Religionsgemeinschaften als Personen gestritten. Um Glaubensinhalte darzulegen, fehlen uns meist auch die Worte, weil die Sprache der Religion oft zu abgehoben ist und wir Religion nur in dieser Sprache – bei uns ist es die fromme Kirchensprache - kennen, was auch wiederum bezeichnend ist. Manche halten das für normal, und deshalb sollte sich ihre Sprache von der Alltagssprache abheben. Andere halten diese Trennung geradezu für schädlich. So hat jeder seine Meinung. Bemerkungen über die Langweiligkeit der Religion sind dann wohl nicht unberechtigt.
Öffentliche Diskussionen der beschriebenen Art zwischen prominenten Religionsvertretern gibt es nicht, was man bedauern oder befürworten kann. Deshalb ist es schwierig vorherzusagen, wie solche Gespräche tatsächlich verlaufen würden. Aber es gibt ja andere Erfahrungen mit Vertretern von Religionsinstitutionen, die bestimmte Schlüsse zulassen. Denn jeder kennt ja, zumindest aus den Medien, den einen oder anderen offiziellen Religionsvertreter als Person wie auch die von ihr vertretene Position. Keiner von ihnen glaubt und redet nur so vor sich hin im stillen Kämmerlein. Die oberen Zehntausend in der Kirche z.B. schlagen, wenn es um öffentliche Auftritte geht, jeden anderen, der vielleicht auch etwas zu sagen hätte, kraft ihres Amtes aus dem Feld. Von Repräsentanten kommt gewöhnlich nichts Neues, das Alte wird wiederholt, und so ist alles bestens bekannt. Dies trifft zu auf ziemlich alle, die für irgendetwas in der Öffentlichkeit stehen. Weshalb soll es in Religionen anders sein? Ausnahmen bestätigen die Regel. Deshalb jetzt die gewiss hypothetische Frage: Was würde uns in einer solchen Diskussionsrunde wohl präsentiert, was könnten wir erleben, und was wäre bei einer solchen Veranstaltung höchstwahrscheinlich das Ergebnis?
Dieses konstruierte Beispiel wählen wir, weil es einen ersten Schatten auf die Situation der Religion in Deutschland und vielleicht sogar in ganz Westeuropa wirft. Nehmen wir einmal nicht das Schlimmste an, nämlich dass es zu einen Streit käme. Wir stellen uns vor, diese Herren – Damen wären sicher keine dabei, was auch bezeichnend ist – benähmen sich bei aller Festigkeit ihrer persönlichen Glaubensüberzeugung, aus der sie verständlicherweise kein Hehl machten, einigermaßen zivilisiert und zurückhaltend. Ohne Frage eine Vorstufe von Toleranz. Aber sicher würde – und das muss man sich klarmachen - ähnlich wie bei Politikerrunden im Fernsehen nicht ein Gespräch stattfinden, in dem aus Interesse gefragt wird, und eine Antwort Versuchscharakter hat oder die Teilnehmer nachdenklich würden.
Es wäre ein Gewinn, wenn die Gesprächspartner gemeinsam mit dem anstehenden Problem ringen, eigene Schwächen eingestehen und die Stärken des andern anerkennen würden. Das anzunehmen grenzt ja schon ans Phantastische. Aber so käme es zu einem Erkenntnisprozess, sicher nicht nur auf einer Seite und zu einer vernünftigen auch die Zuschauer überzeugenden Annäherung. So entstünde ein Fortschritt, der Fernsehteilnehmer hellhörig machen würde. So käme man bei allen bleibenden Differenzen sogar zu Übereinstimmungen. Einen solchen Gesprächsverlauf kann man sich kaum vorstellen. Es wäre zu schön, um wahr zu sein. Dass wir uns nicht missverstehen. Es müsste nicht zu einer Art von Verbrüderung kommen, die alle Unterschiede verwischt und aus der Welt schafft. Ein Gespräch findet immer nur statt, wenn es Unterschiede gibt, wenigstens einen.
Die gesellschaftlich-kulturelle Vielfalt spiegelt sich in allen Gesprächen wieder, auch gerade dann, wenn es um die Religionen geht. Von einer Vielfalt müssen wir ausgehen, aber nicht, indem wir diese Tatsache bedauern, an ihr leiden, wie man es aus kirchlichen Kreisen immer wieder hört. Natürlich gibt es auch religiöse Ideologien, die dafür kämpfen, dass die ganze Welt wird, wie es ihnen vorschwebt. Im Gegensatz zu einem solchen Realitätsverlust fragen wir besser, wie gehen wir mit der Vielfalt um? Ein gutes Beispiel dürfte das Familienleben sein. Auch da gibt es Vielfalt: die Eltern, d.h. Mann und Frau, die Kinder, Mädchen und Jungen verschiedenen Alters. Sie alle müssen, wenn sie als Familie überleben wollen, sich vertragen. Das heißt nichts anderes, als dass sie miteinander vernünftig reden müssen, und
zwar gerade dann, wenn Schwierigkeiten entstehen. Das Bild der Familie für die Religionen zu gebrauchen, dürfte nicht allzu weit hergeholt sein, ist aber dennoch wie ein Traum, denn die Wirklichkeit ist ganz anders, und darin liegt gerade die ganze Problematik. Das Verhältnis der Religionen zeigt wenig Geschwisterliches, und das von fast allen Seiten. Traurig, aber wahr! – Wenn wir das Ganze nicht so sehr geschwisterlich, familiär betrachten, sondern als Verhältnis internationaler, kultureller Institution, wo man sich offiziell zu Gesprächen trifft, dann ist gewiss bei nicht wenigen Teilnehmern die Bereitschaft vorhanden, aufeinander zuzugehen. Aber auch die Teilnehmer sind unübersehbar, die sich lieber aus dem Weg gehen, vielleicht sogar deshalb lieber erst gar nicht zu einem Treffen gekommen wären. Man kann auch folgendes beobachten, statt aufeinander zu hören, um sich gegenseitig zu verstehen - man könnte ja dabei vielleicht sogar etwas lernen - ,präsentiert man sich mit der ganzen Wucht seiner Überzeugung, was auf Nachdenkliche lächerlich wirkt.
Man kann auch „das Heft an sich reißen“ ,d.h. die Initiative ergreifen nach der Devise „Angriff ist die beste Verteidigung“ und den Partner mit Kritik mundtot machen. Das ist eine ganz besondere Form von Glaubensüberzeugung und Bekennermut. Zeigt sich hier statt Stärke nicht vielleicht vielmehr Schwäche? Und wenn Bekennen heißt: Mag kommen, was will, alles hat so zu bleiben, wie es ist, denn, was gestern als wahr und richtig gegolten hat, kann heute nicht falsch sein, dann zeigt das nichts anderes als Sturheit. Es hat keinen Sinn, auf dieser Schiene weiter zu fahren. Stattdessen sollte man jeden, der so denkt, darauf hinweisen, dass lebendige Religionen schon immer in Wandlungsprozessen von Anfang an existierten und sich entwickelt haben, andernfalls wären sie gestorben, und wir hätten sie heute nicht.
Text: Werner Wagner - Artikel vom: 09.08.2006